Aperitif zum Anpfiff: Das Mojito-Debakel

Als das erste Sechzehntelfinale in der Geschichte der Herren-Fußball-Weltmeisterschaft anstand, gastierten wir gerade auf Kreta – zwischen Palmen, Pools und All-inclusive-Bändchen.

Alle Spiele fanden also nicht mitten in der Nacht statt, sondern noch mehr mitten in der Nacht. So kämpfte ich mich durch den Tag: sechs Stunden Pool-Action, ein 20-Kilo-Kind durch die Gegend schleudern, Mojitos schlürfen und immer ordentlich eincremen – meine Schultern leuchteten längst tomatenrot.

Nach einer ausgiebigen Mittagsstunde ging es direkt ans Büfett, um sich erst einmal den Wanst für die lange Nacht zu füllen. Innerlich war ich allerdings schon am Abkotzen. Nicht nur, dass durch diese späten Anstoßzeiten bei mir überhaupt keine WM-Stimmung aufkommen wollte – jetzt wurde das Spiel auch noch eine Stunde später angepfiffen. Und irgendwie wehte ständig ein Hauch Zweifel mit, ob diese Nationalmannschaft das überhaupt schaffen würde.

Aber erst einmal war Poolparty angesagt: DJ, Tänzer und noch mehr Mojitos. Es war ein schöner Abend und um 23:29 Uhr waren wir wieder auf dem Zimmer, sahen gerade noch den letzten Werbespot – und schon wurde angepfiffen. Natürlich stilecht in unseren Deutschland-Trikots.

Ich weiß nicht, ob ich unter einer mojitobedingten Sehschwäche litt oder ob der gezeigte Fußball wirklich so desaströs war. Irgendwann lief das Spiel jedenfalls nur noch auf dem Second Screen, weil das Kind auf dem iPad eine lange „Sendung mit der Maus“-Reportage über Marokko schaute – und die war ehrlich gesagt deutlich spannender.

Das Ergebnis nach 90 Minuten: 1:1.

Nach weiteren 30 Minuten stand es immer noch 1:1 und es ging ins Elfmeterschießen.

Das verlor Deutschland.

Paraguay steht damit im Achtelfinale.

Ich kann nicht sagen, dass Paraguay deutlich besser war als Deutschland. Aber dass die deutsche Nationalmannschaft ausschied, war letztlich die einzig logische Konsequenz. Fußball-Mojo-Dojo versprühte jedenfalls keiner dieser Akteure.

Ein verdientes Ausscheiden aus dem Turnier. Darauf hätte jetzt ein Mojito gutgetan – aber die Bar hatte längst geschlossen. Chapeau an Paraguay, die das 1:1 clever verwalteten, die Nachspielzeit mit routiniertem Zeitspiel herunterspielten und schließlich verdient das Elfmeterschießen gewannen.

Jetzt mal positive Vibes: aufstehen, Krönchen richten und weitermachen. Nein, Moment. Erst einmal wird eine Runde Anschiss verteilt und mit dem Finger auf Schuldige gezeigt. Und die dürften deutlich zahlreicher sein als nur Julian Nagelsmann.

Gott, war ich froh, irgendwann zwischen zwei und drei Uhr morgens endlich ins Bett zu dürfen – mit einem Lächeln auf den Lippen: Deutschland spielt bei dieser WM wenigstens nicht mehr mitten in der Nacht.

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T-1445 Tage: Um drei Uhr morgens

Diese Woche bin ich um 02:30 Uhr aufgewacht und konnte nicht mehr einschlafen.

Nach einer halben Stunde Herumwälzen beschloss ich, den Tag einfach zu beginnen und laufen zu gehen. Da zeichnete sich allerdings ein Problem in meinem Kopf ab: „Um diese Uhrzeit kannst du doch nicht im Park laufen gehen. Viel zu gefährlich!“

Okay. Ich war maximal verwirrt.

Normalerweise laufe ich um 5 Uhr morgens durch den Park – sogar an Tagen, an denen wenige Kilometer entfernt ein Wolf in der Alster planscht. Er hätte schließlich auch in den Park kommen können! Das ist meine übliche Runde. Und das war für mich noch nie ein Problem.

Aber zwei Stunden früher am Tag mache ich mir plötzlich die Hose voll?

Vielleicht hatte ich Bedenken, dass Betrunkene meinen Weg kreuzen. Immerhin torkeln die eher um 3 Uhr nach Hause als um 5 Uhr. Um 5 Uhr sind die meisten wahrscheinlich längst im Bett und schlummern.

Verstärkt wurde das Ganze vermutlich durch die Zeitungsberichte der letzten Jahre, in denen immer mal wieder von Übergriffen im Park die Rede war. Dazu kommen Berichte über Urteile, bei denen man sich mitunter denkt: Gerecht ist das nicht.

Vielleicht war es das.

Aber es änderte nichts an meiner Unsicherheit.

Also änderte ich meine Strecke.

Statt durch den Park lief ich an den Straßen entlang. Mein hochprofessioneller Sicherheitsplan lautete: „Falls etwas passiert, laufe ich einfach auf die Straße. Dann sieht mich jemand.“

Rückblickend weiß ich nicht, ob das ein besonders ausgeklügeltes Konzept war.

Aber es reichte offenbar, um mich beruhigt loslaufen zu lassen.

Passiert ist nichts.

Aber es macht mich traurig, dass ich überhaupt solche Gedanken habe.

Eigentlich wollte ich nur laufen gehen.

Heute sitze ich um drei Uhr morgens in meiner Wohnung und entwickle Sicherheitskonzepte für eine Joggingrunde.

Vielleicht ist die Welt gefährlicher geworden. Vielleicht bekomme ich einfach mehr davon mit.

Ich weiß es nicht.

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Was ich geplant habe

Ich hatte da eine Schnapsidee.
Und die kam wie folgt zustande:

In Hamburg war Ironman.
Den haben wir uns natürlich angeschaut.

Während da alle so am Sporteln waren, keimte es wieder auf: Könnte ich das nicht auch schaffen? Es ist schon krass: 3,9 km schwimmen, 180 km Rad fahren und dann noch einen Marathon laufen.

Am nächsten Morgen habe ich mal im Kaffeesatz gelesen. Nein, ich habe die KI befragt, was sie davon hält und ob es realistisch ist, das im Jahr 2030 anzugehen. Chatty meinte: Ja. Dann kann doch nichts mehr schiefgehen!

Unser Plan sieht jetzt wie folgt aus: Ich peile 2030 an. Bis dahin erledige ich einige Zwischenschritte: Olympische Distanz, Mitteldistanz, Halbmarathon und Marathon.

Vielleicht merke ich dabei ja auch, dass mir diese langen Distanzen gar nicht so gefallen und ich bei den kleineren bleibe.

Ja, vor mehr als drei Stunden Laufen habe ich Respekt, vor mehr als 1.000 Metern Schwimmen auch – vor allem müsste das dann im Kraulstil sein, um die Beine nicht komplett zu zerschießen. Radfahren sehe ich dagegen eher weniger als Problem.

Kopf und Körper sind sich also noch nicht ganz einig.
Es ist aber auch kein in Stein gemeißeltes Ziel.

Ich bin da flexibel und kann es auch sein lassen, wenn ich merke, dass es mir nicht guttut. Denn mal ehrlich: Man muss schon verdammt viel dafür trainieren. Und das neben Familie, Job, Haushalt und Co.?

Aber kommen wir zu meiner angepeilten Zielzeit. Ich darf ja nicht unendlich viele Stunden dafür benötigen, da die Straßensperrungen irgendwann auch mal wieder aufgehoben werden wollen.

Summarum sagte ich: „Eine Zielzeit von 15 Stunden beim Ironman wäre cool!“

Chatty meinte, das könnte passen. Er ist der Optimistischere von uns beiden.

Es ist schon ziemlich idiotisch, bei der ersten Langdistanz direkt mit einer Zielzeit um die Ecke zu kommen. Aber ich brauche das irgendwie, um mein Training darauf aufzubauen und mich sicher zu fühlen.

Denn am Ende des Tages hätte ich dann einen Puffer von etwa zwei Stunden, bis der Besenwagen käme. Das finde ich aktuell okay. Ob der Puffer wirklich ausreicht, weiß ich allerdings nicht.

Und damit es nicht zu einfach wird, gibt es beim Ironman auch noch sogenannte Cut-off-Zeiten. Wer zu langsam schwimmt oder auf dem Rad unterwegs ist, wird aus dem Rennen genommen. Für Hamburg bedeutet das grob: 2:20 Stunden fürs Schwimmen und 15:30 Stunden Gesamtzeit (Was aber der Zielzeit von 17 Stunden, von der man überall liest, irgendwie widerspricht…)

Die 2:20 Stunden fürs Schwimmen finde ich für fast vier Kilometer schon ziemlich happig. Aber okay … vielleicht sollte ich die Distanz erst einmal schwimmen, bevor ich darüber urteile.

Ehm ja.

Das sind also die Rahmenbedingungen, um das Unterfangen Ironman zu schaffen und den legendären Spruch „Christiane, you are an Ironman“ zu hören.

Und wie schon erwähnt: Der Kopf fände das einerseits extrem cool. Andererseits sagt er auch: Was sind das bitte für Distanzen und Zeiten? Das schaffen wir doch nie! – Meine Beine sagen aktuell ganz klar: Nope, machen wir nicht mit.

Für mich ist das ein Mammutprojekt, das organisiert und gemanagt werden will.

Der nächste Schritt ist jetzt erst einmal der Halbmarathon und die Olympische Distanz. Außerdem muss ich irgendwie das Kraulschwimmen lernen.

Ich glaube, das wird eine kleine Katastrophe.
Aber bestimmt auch sehr spaßig.

Und nicht vergessen: Immer schön sutsche.

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Muss ja: Mai 2026

Es gibt kaum etwas Schöneres als einen aufgeräumten, fast leeren Keller, in dem nur Dinge stehen, die man tatsächlich braucht. Dübel in verschiedenen Breiten, Längen und Farben zum Beispiel. Mit Dübeln kann ich dienen. Ich weiß nur nicht, wo sie in dem Chaos liegen.

Und das ist ein Problem.
Mein Problem.

Zur fehlenden Motivation, den Keller aufzuräumen, gesellt sich außerdem ein weiteres Hindernis: mangelnde Zeit.

Arbeit, Familie, Haushalt, Sport und mein ausgeprägtes Bedürfnis nach ausreichend Schlaf konkurrieren regelmäßig um die wenigen freien Stunden. Natürlich könnte ich mir einfach einen Tag Urlaub nehmen und das ganze Kellerprojekt durchziehen.

Zu blöd nur, dass sämtliche Urlaubstage bereits verplant sind.
Ein Dilemma.

Mein Keller wird nie ordentlich werden.
Zumindest dachte ich das.
Dann hatte ich eine grandiose Idee:

Immer wenn ich nach Hause komme, gehe ich kurz in den Keller und räume zwei oder drei Dinge auf. Mal sortiere ich nur die Dübel zu den Dübeln. Mal beschließe ich, irgendein Teil bei Kleinanzeigen zu verschachern. Und manchmal war das Teil bereits fünfmal eingestellt, hat nie jemanden interessiert und wandert direkt in den Müll. Der Vorteil: Fünf bis zehn Minuten habe ich meistens noch übrig. Ich kann es sogar gemeinsam mit dem Kind machen. Außerdem fülle ich nicht schlagartig die halbe Mülltonne, was bei mir ohnehin sofort ein schlechtes Gewissen auslöst.

So versuche ich gerade, dem Durcheinander im Keller langsam Herr zu werden.Vielleicht springt dabei sogar noch der eine oder andere Euro über Kleinanzeigen heraus.

Und wenn ich irgendwann völlig übermotiviert bin, baue ich vielleicht sogar noch hübsche Trennwände für den Werkzeugwagen, damit die Dübel künftig nicht nur einen festen Platz haben, sondern auch nach Größe und Farbe sortiert werden können.

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Muss ja: April 2026

Ordentliche Kinder zu haben, ist bestimmt ein Segen. Ein Kind zur Ordnung zu erziehen dagegen ein Mammutprojekt.

Mein Kind gehört eher zur zweiten Sorte. Das ist aber nicht weiter schlimm. Sie hat das von mir – wenn auch in deutlich abgeschwächter Form, würde mein Freund behaupten. Ich finde ja schon, dass ich ordentlicher geworden bin.

Nun denn. Hin und wieder überkommt es mich, aufzuräumen. Dann auch das Kinderzimmer. Dabei frage ich mich regelmäßig: Wie viel Spielzeug hat dieses Kind eigentlich? Und mit wie wenig davon spielt es wirklich? Da liegt eine wahre Goldgrube an aussortierbaren Dingen vor einem.

In Gedanken war ich schon dabei, den Besitz meiner Tochter großzügig zu reduzieren, als mir plötzlich etwas einfiel:
Hast du nicht selbst genug Scheiß, den du erstmal loswerden solltest?
Und damit meine ich nicht irgendeinen Scheiß.

Ich meine das Zeug, das unten im Keller vor sich hin altert. Unzählige Artefakte meiner Versuche, ein geeignetes Hobby für mich zu finden: Stoffe, Garn, Perlen, Holz, Werkzeuge und vieles mehr.

Eigentlich alles Dinge, für die sich bei Kleinanzeigen dankbare Abnehmer finden müssten. Und für Wolle, Perlen und anderes Bastelzeug gibt es bestimmt irgendeinen Verein, der sich über eine Spende freuen würde.

Aber ich mülle ja nicht nur den Keller voll.

Im Flur belegen meine Sportsachen gleich mehrere Schrankfächer. Im Wohnzimmer stapeln sich Bücher. Und im Schlafzimmer dient mein Kleiderschrank inzwischen als eine Art alternative Papierablage.

Ehrlich gesagt ist allein der Keller schon ein Zwei-Tage-Projekt.
Alles durchgehen. Ausräumen. Begutachten. Entscheiden. Fotografieren. Anzeigen erstellen. Allein der Gedanke daran reicht aus, um meine Motivation direkt wieder einzupacken.

Und Zeit habe ich dafür ehrlich gesagt auch nicht.

Eine Lösung für dieses Dilemma hatte ich zunächst nicht. Aber das Kinderzimmer war ordentlich, und ich war plötzlich doch ein bisschen motiviert.

Also ging ich nicht in den Keller, sondern ins Schlafzimmer.

Ich sortierte meine Unterlagen – zum Abheften war ich dann allerdings wieder zu faul – und ging anschließend meinen Kleiderschrank durch. Von einigen Dingen verabschiedete ich mich sogar. Ein paar Tage später nahm ich mir die Flurschränke vor.

Wirklich befreit von der Unordnung und dem ganzen Besitz fühle ich mich noch nicht.

Das Kellerabteil hängt weiterhin wie ein Mühlstein über mir.

Aber ich habe angefangen.

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